Traumstart für die Kaiserkirmes
Der seit 1995 ununterbrochen jeweils neuntägige Jahrmarkt „anno dazumal“ zwischen Ostersamstag und Weißem Sonntag im LVR-Freilichtmuseum Kommern entpuppte sich gleich zum Auftakt wieder als kraftvoller Magnet für fast 20 000 Menschen. Bei nahezu sommerlichen Temperaturen und mit mehr als 80 publikumswirksamen Attraktionen, Artisten, Karussells und Buden blieb die erhoffte Kirmesstimmung alter Tage nicht aus.
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Historisch gewandete Akteure mischen sich unters „normale“ Jahrmarktpublikum. Hier zieht ein Karren schleppender Glas-, Lumpen- und Altmetallsammler seines Wegs. Foto: ml/pp/Agentur ProfiPressDa fehlt auch rein gar nichts: Weder Bänkelsänger, spektakuläre Stunts, Varietés, Schiffschaukel, „Knutsch“-Raupe, Oldie-Scooter, Riesenrad und eine Geisterbahn aus den währungslosen Schwarzmarktjahren, die 1947/49 mit geklauten Leisten aus einer britischen Kaserne und Besucherloren fabriziert wurde, die man in einem aufgelassenen Bergwerk demontierte und fürderhin dem Schaustellergewerbe zuführte.
Die mit Klar-Lack überzogenen Malereien eben dieser Geisterbahn aus der Werkstadt der Gebrüder Steiger stammen von dem Kirchenmaler Fritz Laube, der sich in ökonomisch trüben Zeiten über Wasser halten musste, aber so viel Gefallen am Bemalen von Fahrgeschäften und Schaubuden fand, dass er dabei blieb. So berichtet Histo-Schausteller Patrick Schneider aus Lippstadt den Besuchern gerne, die mit auf Geisterfahrt gehen wollen.
Ein Autoselbstfahrer von 1950, der in Kommern seine öffentliche Wiederauferstehung feiert, steht ebenfalls für Neubeginn und Aufbruch in die Wirtschaftswunderjahre. Der Historische Jahrmarkt im LVR-Freilichtmuseum Kommern ist ein Streifzug durch die Geschichte des neuzeitlichen Schaustellergewerbes und öffentlichen Volksvergnügens.
Man kann reines Kirmesvergnügen damit verbinden, etwas über die Lebensweise der Vorfahren zu lernen. Dafür garantiert der Volkskundler Dr. Michael H. Faber, der stellvertretende Direktor des LVR-Freilichtmuseums Kommern, der Ende der siebziger Jahre selbst mit dem Ex-Stuntman und Schausteller Johannes Heinen über Land zog, um für seine Doktorarbeit über die Sozialgeschichte des Schaustellergewerbes zu recherchieren.
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Mit seiner Laternen-Akrobatik lässt Noah Chorny eine Nummer des frühen 20. Jahrhunderts aufleben. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPressFaber, der den Kommerner Jahrmarkt seit 17 Jahren organisiert und leitet, verfügt über sensationell gute Kontakte in die „Szene“. Ihnen ist es zu verdanken, dass bundesweit und international berühmte Attraktionen wie die Hochseilartisten „Gebrüder Weisheit“ alle paar Jahre regelmäßig bei „Anno dazumal“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern mit von der Partie sind.
Obwohl die Weisheits diesmal nicht dabei sein können, hat Faber mehr aufgeboten denn je. Beispielsweise den „Jahrmarkt der Unmöglichkeiten“, eine Truppe aus dem spanischen Pueyo de Santa Cruz , die mit historischen Zerrspiegeln, Drehscheiben, Panoptiken und kunstvollen Trickspielen die fünf Sinne der Besucher auf eine ernsthafte Probe stellen. Oder das zauberhafte Varieté-Theater „Moulin Rouge“, das Puppentheater „SternKundt“, die „Arena der Sensationen“, den sagenhaften Laternenkletterer und Akrobaten Noah Chorny oder Peter Hunziker aus der Schweiz, der Moritaten zum besten gibt und dabei auch noch lehrreich die historischen Instrumente und Utensilien erklärt, derer er sich dabei bedient.
Der Gaukler „Gilbert“, eine Institution aus der Szene der Straßenkünstler vor dem Pariser „Centre Pompidou“, gehört zum Standardprogramm der Jahrhundertkirmes. Der persönliche Freund Fabers ist diesmal an gleich drei Schauplätzen zu bewundern, an denen er mitmischt.
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Menschentraube während der „Kaiserkirmes“ in der Baugruppe Westerwald, einem von vier rheinischen Dorfensembles im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Foto: Manfred Lang/pp/ Agentur ProfiPress
Den Kern des „Jahrmarktes anno dazumal“ bildet auch in diesem Jahr wieder eine „Kirmes der Kaiserzeit“. Hier drehen sich zwischen zum Teil längst vergessenen Geschicklichkeitsspielen, Puppenbühne und Wahrsager-Wagen ein Springpferdekarussell aus dem späten 19. Jahrhundert, „Russische Schaukel“ und Schwanen-Kettenflieger.
Und wie es sich für eine richtige historische Kirmes gehört, gibt es auch „Zwischenfälle“. Die Schauspieler der Gruppe „Gespielte Geschichte“ mischen sich in historischen Kostümen unter die Jahrmarktbesucher (von denen immer mehr ebenfalls in Kostümen kommen!), und inszenieren unvermittelt lauter werdende Dialoge und handgreifliche Szenen.
Eine feucht-fröhliche Runde einer Studentenverbindung gibt sich an der Bierbude allzu patriotisch, was einigen Zeitgenossen – wir schreiben das Jahr 1911 – missfällt. Der Sergeant wird einschreiten müssen, um dem Gesetz wieder Geltung zu verschaffen. ![]()
Die Schauspieler der Gruppe „Gespielte Geschichte“ sind omnipräsent während des „Jahrmarkts anno dazumal“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Hier sorgt ein delikater Vorfall für Aufregung: Der Fotograf (rechts) hatte versucht, Aktaufnahmen an den Mann zu bringen. Foto: ml/pp/Agentur ProfiPress„Denn auf dem Jahrmarkt sollen Ruhe und Ordnung herrschen“, so Dr. Faber. Das bekommt auch ein Fotograf zu spüren, der seine selbstverständlich zu Kaiserzeit hochpeinlich verbotenen erotischen Aufnahmen an die Besucher zu bringen versucht, natürlich erwischt und vom preußischen Gendarmen abgeführt wird.
Die 17 Historischen Jahrmärkte im LVR-Freilichtmuseum Kommern waren alle gut besucht, allerdings schwankten die Zahl stark nach Witterungsverhältnissen und dem Osterzeitpunkt, an den die Kaiserkirmes traditionell gekoppelt ist. „Zu gutes Wetter ist auch nicht gut, da grillen die Leute“, weiß der erfahrene Jahrmarktmacher Dr. Michael H. Faber.
Er zählte bislang immer zwischen 24 000 und 42 000 Besuchern. Sie kommen traditionsgemäß vor allem aus dem Rheinland, und zwar auch von der „schäel Sick“, aber auch aus dem nördlichen Nordrhein-Westfalen sowie aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden. ![]()
Bei der Kaiserkirmes im LVR-Freilichtmuseum Kommern kann man historische Jahrmarktattraktionen nicht nur bestaunen, man kann sie auch selbst ausprobieren. Dieses Mädchen haut den „Lukas“. Foto: ml/pp/Agentur ProfiPressHolländer, Belgier und Luxemburger sind ebenfalls seit Jahren stark vertreten.
Dr. Michael H. Faber: „Wir haben mit dieser Traditionsveranstaltung mittlerweile den größten Rummel seiner Art in ganz Deutschland, das zieht natürlich an.“
Auch das sei nebenbei bemerkt: Für die Sicherheit von Besuchern wie Akteuren war ein minutiöser Plan mit Flucht- und Rettungswegen, Feuerwehr- und Krankenwagenzufahrten sowie eventuell benötigten Behandlungsmöglichkeiten ausgearbeitet worden, der bei einem Ortstermin in der Woche vor Kirmesbeginn von Ordnungsamt, Polizei und Feuerwehr das Prädikat „professionell“ bekam.
Das Rote Kreuz im Kreis Euskirchen stand vor Ort am Pingsdorfer Tanzsaal mit vier Fahrzeugen in Bereitschaft. Ein Dutzend Sanitäter mischte sich mit Rettungsrucksäcken unter die Menschen.
(26.4.2011)



















