Vize-Bürgermeister auf dem Camino

Nach 900 Kilometern Radtour am Pilgerdenkmal in Finistere am so genannten "schönsten Ende der Welt". Foto: Privat/pp/ProfiPress Robert Ohlerth traf auf Wallfahrt Ex-Kämmerer Horst Müller – 900 Kilometer mit dem Fahrrad bis zum „Ende der Welt“
Der größte Gag ereignete sich gleich am Anfang der Pilgerfahrt von Mechernichs Vize-Bürgermeister Robert Ohlerth ins westspanische Santiago de Compostela. In Pamplona, wo Ohlerth (62) und sein Begleiter Hans Poeschel (66) ihre Fahrräder gerade am Busbahnhof für den 900-Kilometer-Tripp zum „Ende der Welt“ in Finistere startklar machten, begegneten sie Mechernichs Ex-Kämmerer Horst Müller, der ja ebenfalls ein altgeübter Camino-Pilger ist.
Ohlerth und sein Mitpilger betraten oder befuhren mit dem Jakobspilgerweg hingegen Neuland. Beide sind zwar mehr oder weniger erfahrene Trierpilger. Aber jetzt wollten sie weiter als zum knapp 120 Kilometer von Kallmuth entfernten Matthiasgrab. Ihr Ziel hieß zunächst Pamplona.

Die Kathedrale von Santiago de Compostela enthält nach katholischer Tradition nicht nur das Grab des Heiligen Apostels Jakobus des Älteren, sondern auch das größte Rauchfass der Welt. Aber selbst werktags musste Robert Ohlerth eine Stunde anstehen, um einen Sitzplatz für die Heilige Messe zu ergattern. Sonntags war überhaupt nichts zu machen, so groß war der Andrang der Pilger. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress Von dort wollten sie 841 Kilometer entlang des Jakobsweges nach Santiago de Compostela, wo nach katholischer Tradition der Heilige Apostel Jakobus der Ältere begraben ist. Und von dort nach Finistere, zum schönsten Ende der Welt.
Im Mittelalter war Compostela bereits ein beliebtes Pilgerziel für Gläubige aus ganz Europa und Nordafrika. Dann schlief die Sache im Zuge einer zunehmenden Verweltlichung allmählich ein, ehe das Pilgern und insbesondere das Pilgern auf dem Camino vor zehn, 15 Jahren auf einmal wieder stark in Mode kamen.
„Ganz so schlimm ist es aber nicht, wie oft erzählt wird, dass sich Menschenschlangen entlang der Pilgerwege bilden“, berichtet Robert Ohlerth:

Am Cruz de ferro legen die Menschen symbolisch Steine oder Gegenstände für die Last ihres Lebens ab. Foto: Privat/pp/ Agentur ProfiPress„Man kann schon noch alleine laufen oder fahren, wenn man möchte. Der Abstand ist möglich – und man verabredet sich meist von Herberge zu Herberge, reist aber zwischendurch alleine.“
Geschlafen haben der Vize-Bürgermeister der 28 000 Einwohner-Stadt Mechernich und Hans Poeschel fast immer in Pilgerherbergen, und zwar in privaten, kommunalen und kirchlichen Einrichtungen. Die Fußpilger besitzen Vorrang, nach 17 Uhr können aber auch die Fahrrad fahrenden Wallfahrer in die Quartiere einrücken. Pilgerherbergen sind eine mit fünf bis 12 Euro pro Nacht doch recht billige Übernachtungsmöglichkeit.
Auch eine gute Mahlzeit, privat zubereitet und aufgetischt entlang des Camino, ist für acht bis zwölf Euro einschließlich Wein und Wasser zu haben.
Die Strapazen der Strecke waren mitunter groß. „Das ist eine permanente Berg- und Talbahn“, erzählt Robert Ohlerth.

Von ganz jung bis eher alt: Pilger vor einer der Herbergen entlang des Camino. Foto: Privat/pp/ Agentur ProfiPressAußerdem gab es Streckenabschnitte, an denen die Räder geschoben und sogar getragen werden mussten, wie entlang einer alten Römerstraße zwischen Puenta la Reina und Estella.
In der Meseta, einer Art Lehmwüste, verklebten nach einem Regenguss die Räder der Rheinländer so stark, dass sie sich nicht mehr drehten. Erst nach Behandlung mittels Hochdruckreiniger an einer Tankstelle konnten Ohlerth und Poeschel die Fahrt fortsetzen – und zwar auf einer geteerten Straße.

Robert Ohlerth mit zwei fast ganz mit Stempeln der einzelnen Stationen gefüllten Pilgerpässen. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPressNach nur zwölf Tagesetappen mit Strecken zwischen 40 und 106 Kilometern und Höheunterschieden zwischen 250 und 1500 Metern über NN standen die beiden Rheinländer an einem Sonntag plötzlich vor der gewaltigen Kathedrale mit dem Jakobusgrab – und wussten sich zwischen Tausenden anderen Pilgern und Touristen kaum einen Weg ins Innere der Kathedrale zu bahnen.
„An einen Gottesdienstbesuch war gar nicht zu denken“, so Robert Ohlerth: „Ein Einzug wie in Trier, wo man in Andacht betend einziehen kann und fast persönlich herzlich begrüßt wird, kann man da vergessen.“
Die beiden Fahrradpilger aus der Eifel mussten am Montag einen zweiten Anlauf machen, um in den Genuss einer Messe zu kommen: „Aber selbst werktags muss man eine Stunde früher da sein, um einen Sitzplatz zu bekommen.“
Pilgern auf dem Camino de Santiago ist eben „in“, die Motivation der Menschen höchst unterschiedlich.

Ein Blick in Robert Ohlerths Pilgerpässe. Foto: ml/pp/ Agentur ProfiPress
Robert Ohlerth, der in seiner Stadt wie ein bunter Hund bekannte Katholik und Sozialdemokrat, wollte an der Schwelle zum Rentenalter dem lieben Gott mit der Pilgerfahrt „einfach mal Danke sagen für mein Leben“.
Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, hofft Robert Ohlerth: Als Rentner will er sich gemeinsam mit Ehefrau Rita dem Jakobusgrab nähern, aber dann von Süden, von Portugal, her.
pp/Agentur ProfiPress
(6.8.2010)




















