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Leben im „(Rh)einwanderungsland“

Fahnen unterschiedlicher Nationalitäten unter Fenstern eines Mehrfamilienhauses
Die Ausstellung „verbunden?!“ über das Leben von Migranten im Rheinland wird im LVR-Freilichtmuseum Kommern am Sonntag, 30. Mai, um 11 Uhr im Handwerkerhaus Henkel eröffnet. Foto: LVR/pp/Agentur Profipress
In der Ausstellung „verbunden?!“ schildern Migrantinnen und Migranten ihre Lebenserfahrungen im Rheinland – Ausstellungseröffnung am Sonntag, 30. Mai, im LVR-Freilichtmuseum Kommern

Carlos Santana (32) ist einer von zehn „Zeugen“, die ab Sonntag, 30. Mai, den Besuchern der neuen Ausstellung „verbunden?!“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern über ihr Leben seit ihrer Einwanderung ins Rheinland berichten. Durch Internet und Telefon können die Besucher mit den Zeugen „Kontakt“ aufnehmen, in einem Mix aus Call Shop und Internet Café, den das Museum als Kern der multimedialen

Ausstellung zum Leben von Migranten im Rheinland in Szene gesetzt hat. Dabei erfahren die Besucher einiges über das Leben der Einwanderer. So hat Carlos Santana durch viel Fernsehen Deutsch gelernt. Der Verkäufer und Tänzer, der in Köln lebt, schätzt an Deutschland die „Verlässlichkeit“. Was er hingegen nicht mag, ist der Kölner Karneval. Denn den echten Karneval gibt es für ihn nur in seinem Heimatland Brasilien. Vielleicht zieht es ihn einmal dorthin zurück.

Schlaglichtartig zeigt die Ausstellung Beispiele persönlicher Lebensgestaltung von Menschen mit Migrationserfahrung in jener Region im Herzen Europas, die über Jahrhunderte Migrationsgebiet und Schmelztiegel der Völker und Kulturen gewesen ist. Vor allem seit den 1950er Jahren kamen aus europäischen und außereuropäischen Menschen ins Rheinland, um dort zu arbeiten. Was als vorübergehender Aufenthalt von „Gastarbeitern“ aus damals strukturschwachen Ländern gedacht war, entwickelte sich für die meisten Migranten zu einer langfristigen Lebensperspektive. So auch für den Türken Abdulkadir O. (80), der 1969 in Köln als Bauhandwerker angefangen hatte. Als es mit dem Job lief, ließ er seine Frau nachkommen. Hatice, als 14jährige mit Abdulkadir verheiratet und seither Hausfrau gewesen, fand ebenfalls im Rheinland Arbeit. „Ich wurde von meinen Arbeitskolleginnen für eine Holländerin gehalten, weil ich mich nicht wie eine Türkin verhielt“, erinnert sich die heute Sechsundsechzigjährige. In Deutschland hat sie dann erstmals ein Kopftuch getragen, auf Wunsch ihres Mannes.

Türken und Thais, Senegalese, Brasilianer, Portugiesen und Menschen aus Osteuropa schildern in der Ausstellung, wie sie im Rheinland leben, wie sie sich eingerichtet haben, welche Stücke der Erinnerung, Bräuche und Gegenstände des Alltags sie mitgebracht haben und bewahren. Sie berichten, wie sie rheinische Eigenarten empfinden und welche sie davon in ihr eigenes Leben aufgenommen haben. Nicht der gesellschaftliche Diskurs um Migration und Migrationspolitik steht bei der Ausstellung im Vordergrund,  sondern die persönlichen Wege, die eigenen Lebenserfahrungen und vertrauten Verhaltensweisen, um den Alltagssituationen im „(Rh)einwanderungsland“ anzupassen, Mitgebrachtes und neu Erfahrenes zu einer neuen Lebensgrundlage zu verbinden. Inwieweit das im Einzelfall gelungen ist, hinterfragt das Fragezeichen hinter dem Ausstellungstitel. Das Ausrufezeichen soll  signalisieren, dass die Multikultur im Zusammenleben der Rheinländer längst nicht mehr ein Charakteristikum auf Zeit ist.

Die Ausstellung „verbunden?! Leben im (Rh)einwanderungsland“ unterstützte auch das Funkhaus Europa des WDR: Es half bei der Suche nach den „Migrationszeugen“. Die Ausstellung ist zugleich ein Kooperationsprojekt mit dem LWL-Freilichtmuseum Detmold. Das westfälische Schwestermuseum des LVR-Freilichtmuseums Kommern hat mit Exponaten aus der jüngeren Aussiedlungsgeschichte Russlanddeutscher einen wertvollen Beitrag zur Ausstellung geleistet. Kommern wiederum stellt Dokumente und Objekte aus der früheren Ausstellung zur Amerikaauswanderung aus dem Rheinland für die Ausstellung „Planet Westfalen“ in Detmold zur Verfügung.

Der Eröffnung der Ausstellung „verbunden?!“ am 30. Mai folgt eine Reihe von Veranstaltungen im Zusammenhang mit dem Jahresthema des LVR-Freilichtmuseums Kommern, „Kulturelle Begegnungen“. So gibt es eine Kinoreihe volkskundlicher Dokumentationen über Leben und Bräuche von Menschen mit Migrationserfahrung im Rheinland. Mit „fremd/vertraut?!“ wird zudem am Sonntag, 20. Juni, eine Werkausstellung von Schulen zum Jahresthema eröffnet.

„verbunden?!“ wird bis Sonntag, 8. Mai 2011, gezeigt.
 


Pressekontakt: Dr. Michael H. Faber, Telefon: 02443 9980-120 /Mail: michael.faber@lvr.de