Eine Gaststätte auf Reisen
Ein Stück Geschichte wird verladen: Ganze Gebäudeteile der Gaststätte Watteler, erhalten im Stil der 70er Jahre, werden mit einem 500-Tonnen-Kran auf den Sattelschlepper gehoben. Die Gaststätte soll im LVR-Freilichtmuseum Kommern wieder aufgebaut werden. Foto: gte/pp/Agentur ProfipressLVR-Freilichtmuseum Kommern ermöglicht „Zeitreise in die 70er“ - Ganze Gebäudeteile wurden unter den Augen zahlreicher Schaulustiger vom Fundament auf Tieflader gehoben –Erstes Freilichtmuseum mit Baugruppe über die Zeit zwischen 1945 und 1980
Begeisterter Applaus toste auf, als die geballte Maschinenkraft eines 500-Tonnen-Kran ganze Gebäudeteile der Gaststätte Watteler vom Boden löste und behutsam auf einen 13-achsigen Tieflader hob. Unter den zahlreichen Zaungästen der Großaktion am Montagnachmittag im Dürener Eschweiler über Feld strahlte ein Gesicht besonders, als ein kompletter Toiletten-Trakt samt Fliesen wohlbehalten auf dem Trailer stand: Das von Dr. Josef Mangold, Direktor des LVR-Freilichtmuseums Kommern. Denn die Gaststätte, die in einer neuen Baugruppe über die Nachkriegszeit wieder im Museum aufgebaut werden soll, ist ein echter Glücksfall für die Volkskundler: Durch sie wird eine Art Zeitreise in die 1970er Jahre möglich. „Der Flur und der WC-Trakt haben originale Fliesen der 1950 er und 1970er Jahre und sind daher ein fantastisches Beispiel für den Zeitgeschmack dieser Zeit und vor
Gerti Vermaasen (v.r.), letzte Wirtin und Besitzerin der Gaststätte Watteler, und Museumsdirektor Dr. Josef Mangold beobachten, wie sich der Toilettentrakt von seinem angestammten Platz löst, um ins LVR-Freilichtmuseum Kommern umzuziehen. Foto: gte/pp/Agentur Profipressallem noch vollständig erhalten“, schwärmte Museumschef Mangold. Um diese Relikte nicht zu zerstören, konnten die Gebäudeteile nicht Stück für Stück ab- und im Kommerner Museum wieder aufgebaut werden, sondern mussten komplett auf die Reise gehen. Für die gut 30 Kilometer brauchte der Tieflader zweieinhalb Stunden, denn an jedem Kreisverkehr und jeder Verkehrsinsel gab es erst einmal einen Zwischenstopp: Die Verkehrsschilder mussten wegen der mit 4,50 m ausufernden Dimensionen der Bauteile entfernt werden.
Akribische Vorbereitung war für die „Translozierung“, wie der Fachmann den Gebäudeumzug nennt, nötig. Dr. Carsten Vorwig, Bauhistoriker des Kommerner Museums: „Mit einem Architekten und einem Statiker wurde alles geplant. Die Wände mussten mit einer speziellen Säge getrennt werden – das Sägeblatt maß 1,20 Meter im Durchmesser!“ Das Fundament wurde mehrfach horizontal durchbohrt, um Stahlträger quer unter die Gebäudestücke treiben zu können. Daran wurden wiederum Längsträger verschraubt und eine komplette Verschalung um Wände und Decke errichtet, damit das Ganze unbeschadet verladen werden konnte.
Trotz der geballten Maschinenkraft ist immer wieder Handarbeit notwendig. Foto: gte/pp/Agentur ProfipressBereits im Museum angekommen ist die komplette Einrichtung der Gaststätte Watteler, von Gläsern bis zu Knobelbechern. An dem Mammut-Projekt fasziniert das Dr. Mangold besonders: „Wir können hier nicht nur Gebäude und Gegenstände für die Nachwelt erhalten. Wir bekommen auch gleich die Geschichten dazu, denn es gibt viele Zeitzeugen, deren Berichte Teil der Dokumentation im Museum werden sollen.“ Das LVR-Freilichtmuseum Kommern sei nicht nur das erste Freilichtmuseum, dass eine eigene Baugruppe für die Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre errichte: „Auch ein Steinhaus zu versetzen, ist wegen der hohen Gewichte etwas Besonderes, Fachwerk ist
um einiges leichter.“
Gut verpackt und stabilisiert gingen die Gebäudeteile auf die Reise. Foto: gte/pp/Agentur ProfipressDer Aufwand an Arbeitskräften und Maschinen war enorm und zog Scharen von Schaulustigen an. „Es ist einfach toll, welchen Anteil die Bevölkerung an diesem Ereignis nimmt“, sagte Mangold begeistert, denn schließlich sei das Museum ja für die Menschen da. Viele der Beobachter hatten eine Geschichte zu der Gaststätte zu erzählen, nicht nur Engelbert Weingartz (83), der immer mitten auf der Baustelle zu finden war: „Ich stand dort 30 Jahre hinter der Theke. Wenn ich das sehe, kommt schon ein wenig Wehmut auf.“ Immer wieder wischte er sich verstohlen über die Augen, fand aber seinen Trost darin, dass die Gaststätte nun auf lange Zeit im Museum erhalten wird. Matthias Rifisch (73) preist immer noch die Hackfleisch-Schnittchen, die es dort gab: „Gleich nebenan war ja die Metzgerei, die Schnittchen machte der Meister abends ganz frisch persönlich!“ Als Vereinslokal der Karnevalsgesellschaft sei es dort oft hoch her gegangen. „Wenn die wieder in Kommern aufgebaut ist, wird das ganze Dorf auf ein Bierchen ins Museum fahren“, meinte er. Denn die Gaststätte soll auch im Freilichtmuseum wieder in Betrieb genommen werden. Das kühle Blonde möchte Engelbert Weingartz dabei am liebsten selber zapfen – was Josef Mangold ihm gerne ermöglichen will.
Eine Zugmaschine vorneweg, eine zum Schieben hintendrein: So ging es für den Schwertransport mit dem neuen Museumsschmuckstück den Kahlenbusch hinauf. Foto: gte/pp/Agentur ProfipressBis dahin wird allerdings noch eine Zeit vergehen: Zum 50. Eröffnungsjubiläum des Kommerner Freilichtmuseums im Juli kommenden Jahres soll das Gebäude wieder stehen, die Aufnahme des Gastronomiebetriebs kann noch etwas länger dauern. Darauf freut sich allerdings auch Museums-Landwirtschaftsmeister Karl-Heinz Hucklenbroich schon sehr: „Denn ich stand in der Gaststätte Watteler mit 14 Jahren in der Mainacht zum ersten Mal hinter der Theke und habe geholfen. Mit 15 durfte ich das erste Bier zapfen, und mit 16 habe ich dann auch mal vor der Theke gestanden!“. Als die Gaststätte auch aufgrund starker Bergschäden abgerissen werden sollte, stellte er den Kontakt zwischen Besitzerin und letzter Wirtin Gerti Vermaasen und dem Museumsteam her. Vermaasen war so begeistert von der Idee, dass sie sogar bereits an Freunde und Verwandte verschenkte Gegenstände aus der Gaststätte wieder einsammelte.
Strahlende Gesichter nach dem geglückten Transport zeigten Dr. Josef Mangold (v.l.), Direktor des LVR-Freilichtmuseums Kommern, Katja Steigerwald, Wissenschaftliche Volontärin, und Dr. Carsten Vorwig, Bauhistoriker im Freilichtmuseum. Foto: gte/pp/Agentur ProfipressSpannend wurde es beim Transport noch einmal, als die beladenen Trailer auf den Kahlenbusch zum Museumsgelände transportiert wurden: „Das ist eine Steigung von bis zu 20 Prozent“, so Dr. Carsten Vorwig. Eine 500-PS-Zugmaschine mit Allrad-Antrieb wurde vor den Auflieger gespannt, eine 650-PS-Maschine schob von hinten. In einem Rutsch tuckerten der gewaltige Zug unter der Begleitung von Polizei, Kamerateams, Pressefotografen und natürlich dem Museumsteam wohlbehalten der Berg hinauf, wo der Autokran die Gebäudeteile behutsam auf die bereits gegossenen Fundamente setzte.
In Maßarbeit setzte der 500-Tonnen-Kran den WC-Trakt auf die Fundamente im LVR-Freilichtmuseum Kommern auf. Foto: gte/pp/Agentur ProfipressDas Gebäude stammt in seiner ursprünglichen Form aus der Zeit um 1900. Im Zweiten Weltkrieg wurde es durch einen Bombentreffer teilweise zerstört und nach dem Krieg wieder aufgebaut. Die weiteren Umbauten in den kommenden Jahren sind für das Museumsteam besonders interessant und sollen in der Ausstellung dokumentiert werden, denn an ihnen ist der Strukturwandel im ländlichen Raum gut nachzuvollziehen. Die Toilettenanlage mit den prägnanten Fliesen im Stil der 70er Jahre wurde 1974 errichtet. Museumsleiter Mangold: „Jetzt müssen wir alles wieder aufbauen und einrichten. Dazu werden wir auch die Tapeten nachdrucken lassen.“
(21.04.2010)




















