Knochenarbeit und hohe Dividenden

Neben den berühmten Förderanlagen am Schafsberg, von denen noch heute der Malakowturm übrig ist, gab es zeitweise am Schacht Virginia eine zweite Aufbereitungsanlage. Sie wurde am Rand der heutigen Mülldeponie 1876 gebaut, 1888 stillgelegt und 1899 abgerissen. Foto: Stadtarchiv/Agentur ProfiPressEin weiterer Artikel über das Aus für den zwei Jahrtausende alten Erzabbau in Mechernich vor 50 Jahren – Das „goldene Zeitalter“ der Aktionäre war für die Bergarbeiter oft tödlich gefährlich und ohne soziale Absicherung für deren Familien
„Blei, lat. Plumbum, chem. Element, Zeichen Pb, Ordnungszahl 82, Atomgewicht 207, 2“: Das ist der Steckbrief jenes Stoffes, der Jahrhunderte lang die Geschichte der heutigen Stadt Mechernich geprägt hat.
Es ist der „Steckbrief“, den „Der große Brockhaus“ 1958 zum Zeitpunkt der Schließung des Mechernicher Bleibergwerks abdruckte.

Mitte der 50er Jahre wurde nochmals nach neuen Erzfeldern gesucht – hier ein Bohrtrupp bei Roggendorf 1956. Im „Westfeld“ zwischen Kallmuth und Scheven wurde die Preussag fündig. Erschlossen wurde das neue ergiebige Erzvorkommen aber nie. Foto: Stadtarchiv/Agentur ProfiPressBlei verwendete man noch vor 50 Jahren für Bleche, Wasserleitungs- und Abflussrohre, für Akkumulatorenplatten, zur Umkleidung von Kabeln, in der chemischen Industrie, für Bleikammern, Pfannen, verbleite Gefäße, Batterien, zur Fabrikation von Schrot und Kugeln sowie für die Mäntel der meisten Gewehr- und Pistolengeschosse.
Wie viele Menschen in Kriegen durch Munition aus Mechernicher Blei den Tod fanden, lässt sich nur erahnen. Fest steht, dass die Erzförderung am Bleiberg durch die Jahrhunderte immer dann Hochkonjunktur hatte, wenn es irgendwo in Europa „knallte“ oder schon zuvor, wenn aufgerüstet wurde.

Ein ungewöhnlicher Blick über Bleisandhalden im Vordergrund auf die Aufbereitungsanlage am Schafsberg. Im Hintergrund das Hügelland zwischen Kermeter und Kahlenbusch, in dem damals die selbständigen Gemeinden Bleibuir, Glehn, Hostel, Eicks, Floisdorf und Hergarten lagen. Foto: Stadtarchiv/Agentur ProfiPressVielleicht hätte die Preussag das berücksichtigen sollen, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg die damals unvorstellbar große Summe von 27,5 Millionen D-Mark in die Modernisierung von Europas größter Bleimine, nämlich der in Mechernich, investierte. Denn schon in den 50er Jahren ging es mit dem Weltmarktpreis für Blei steil bergab. Hinzu kamen steigende Löhne in Deutschland.
Das Aus kam völlig unerwartet
Mechernich war in Konkurrenz zu ausländischen Bergwerken nicht mehr gefragt. Bonn ließ Spandau fallen: 
Bergassessor Franz Ehring bei der Festansprache im Eifelstadion beim Bergfest am 1. Juni 1957. Vier Monate später wird er vor die über tausendköpfige Belegschaft treten und das Aus für Spandau verkünden. Foto: Stadtarchiv/ppDie junge Bundesrepublik verfüge über eine Überproduktion von 200 000 Tonnen Blei, hieß es in einer Regierungserklärung aus Bonn: Man könne auf die jährlich 13 000 „kölnisches Blei“ made in Mechernich „verzichten“.
Am 2. November 1957 gab Bergassessor Franz Ehring, der Leiter der Gewerkschaft Mechernicher Werke, kurz GMW genannt, in einer Belegschaftsversammlung den damals noch 1050 Arbeitern und Angestellten das für die Bevölkerung völlig unerwartete Ende des Bleibergwerks Spandau zur Jahreswende 1957/1958 bekannt.
Damit endete eine fast 2000-jährige Bergbaugeschichte in der Nordeifel. Neben der Landwirtschaft galt der Bergbau als wichtigste Erwerbsquelle für die Menschen der ganzen Region.
Ein Arbeiterverzeichnis aus dem 19. Jahrhundert belegt, wo die bis zu 4500 Knappen und anderen Beschäftigten des Mechernicher Bergwerks und seiner Nebenbetriebe außer aus der unmittelbaren Umgebung des Bleibergs noch alles herkamen.

Die Mechernicher Bergkapelle, die bis auf den heutigen Tag existiert, beim Bergfest am 1. Juni 1957. Zu dieser Zeit gingen schon Gerüchte über die Stilllegung des Werkes um. Der Bleipreis war zu der Zeit bereits auf 1170 DM pro Tonne gesunken – und lag damit unter den Gestehungskosten von 1600 DM . Der Preussag-Vorstand zog im Herbst 1957 die Notbremse – die Belegschaft wurde Anfang November informiert. Trotz aller Gerüchte und Latrinenparolen wurde die Bevölkerung völlig überrascht. Das Foto stammt aus dem Fundus des Mechernicher Heimatforschers Karl Abel und befindet sich jetzt in dem von Beate Meier geführten Mechernicher Stadtarchiv. Foto: Stadtarchiv/Agentur ProfiPressNämlich aus Broich, Frohnrath, Ingersberg, Sistig, Gillenberg, Wildenburg, Kreuzberg, Oberreifferscheid, Ramscheid, Dreiborn, Schmidt, Steckenborn, Nettersheim, Frohngau, Blankenheim, Blankenheimerdorf, Ahrdorf, Waldorf, Nonnenbach, Schmidtheim, Baasem, Niederadenau, Dorsel, Hünkhoven, Radenbach, Dahlesfeld und Drehlingen.
Aus heutiger Sicht unmenschlich
„Diese Kostgänger, die nur am Wochenende oder einmal im Monat ihre Familien zu Fuß aufsuchten“, so berichtete Johann Paul Müller 1961 in einem Zeitungsbericht, „brachten von dort im so genannten „Schneddesack“ Speck, Käse, Butter, eine Reihe „Dobbele“ (zwei aufeinander gelegte geschmierte Brotschnitten) und manchmal einen Sonntagsfladen mit. In der Woche zahlte der Kostgänger in Mechernich 1,5 Silbergroschen oder 18 Pfennige, ein Quartier auf dem Strohsack kostete zwei Silbergroschen oder 24 Pfennige.“
So sah das Bachrevier im Jahr 1870 aus. Rechts der Förderturm mit Aufbereitungsanlage, in der Bildmitte das erste, 1858 erbaute Krankenhaus von Mechernich. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPress Eine Pfanne mit Bratkartoffeln kostete 1,5 bis zwei Silbergroschen. Der Schichtlohn lag um 1854 zwischen zehn und 15 Silbergroschen.
Die Arbeitsbedingungen waren hart, heute würde man sagen unmenschlich. Nach Sprengungen lagen die Knappen, vom Cheditqualm betäubt, oft stundenlang arbeitsunfähig auf der Erde.
Beschwerte sich jemand, wurde er als Unruhestifter gebrandmarkt. Obwohl auch am Bleiberg viele Kumpel an Staublunge erkrankten, wurde diese Arbeitserkrankung von hiesigen Ärzten grundsätzlich nicht attestiert.
Auch über Todesfälle am Mechernicher Bleiberg – meist bei Sprengungen und Einstürzen unter Tage - berichteten die örtlichen Zeitungen nicht. Den Artikel über einen Unfall beim Schornsteinbau auf Spandau, der 1872 allein sechs Tote gefordert hatte, fand die Mechernicher Bergbauexpertenrunde, die sich regelmäßig bei dem Heimatforscher Anton Könen trifft, in einer Ausgabe der Berliner SPD-Zeitung „Der Agitator“.
Im „Königspochwerk“, dem größten Erz-Zerkleinerungsbetrieb Europas, wurde die Bleiverhüttung vorbereitet. Die Anlage war schon vor dem Zweiten Weltkrieg veraltet und wurde 1936 gesprengt. Foto: Stadtarchiv Mechernich/ Agentur ProfiPress191 dokumentierte Todesfälle
Allein zwischen 1853 und 1866 gab es am Bleiberg „86 Verunglückungen mit tödlichem Ausgang“, so Dr. F. Imle in ihrer 1909 erschienenen wirtschafts- und sozialpolitischen Studie „Der Bleibergbau von Mechernich“. Nach 1866 gab es keine offizielle Statistik über Todesfälle mehr. Anton Könen und seine Runde recherchierten im Laufe der Jahre 105 weitere Todesfälle auf Spandau nach 1866.
Eine soziale Absicherung für die Arbeiter gab es zur Zeit des „goldenen Zeitalters“ am Bleiberg, als die Aktionäre jährlich zwischen acht und 18 Prozent Dividende einstreichen
konnten, überhaupt nicht.
Sozialgesetze sollte es erst nach der Reichsgründung 1871 unter Bismarck geben. Vorerst war es neben der am Marxismus orientierten Arbeiterbewegung vor allem die katholische Kirche, die sich der vom nackten Elend bedrohten Arbeiterschaft annahm.
10. März 1936: Die Bergleute Paul Breuer und Milz haben die erste Lore Erz im neuen Tagebau am Kallmuther Berg gefüllt. Foto: Stadtarchiv/Agentur ProfiPress
Den Anstoß kirchlichen Engagements hatte der Mainzer Bischof Wilhelm Emanuell von Ketteler (1811 – 1877) gegeben.
Noch im Jahr des Erscheinens von Kettelers richtungsweisender Schrift „Die Arbeiterfrage und das Christentum“ wurde am Bleiberg der „Katholische Bergmannsverein der Pfarre Mechernich unter dem Schutz des heiligen Johannes des Täufers und der heiligen Barbara“ gegründet.
Der Wochensatz von 1,50 Euro, den der Verein an erkrankte Arbeiter zahlte, entsprach in etwa dem Lohn für eine zwölfstündige Schicht.
Die Wochenmiete in der Schlaf- und Speiseanstalt (heute Unteroffiziersheimgesellschaft und Offizierscasino) betrug 75 Pfennige. Ein achtpfündiges „Konsumbrot“ kostete bei der 1873 gegründeten Konsumanstalt der Bergwerksbetreiber 52 Pfennige.
Dampflok und Dampfbagger mit Bedienungsmannschaft 1936 im Hochtagebau des Kallmuther Berges. Foto: Stadtarchiv Mechernich/ Agentur ProfiPress
Ergiebiges „Westfeld“ gefunden
Die aus heutiger Sicht sozial harten und elenden Jahre waren längst vorbei, als die damalige Preussag das Werk 1937 übernahm. 1952 beschäftigte das Mechernicher Bergwerk wieder 1400 Menschen und war damit der größte Arbeitgeber im damaligen Kreis Schleiden. Bei Probebohrungen stieß man auf ein noch völlig unerschlossenes ergiebiges Bleivorkommen im „Westfeld“ zwischen Scheven und Kallmuth.
Dennoch kam das Aus: In nur einem Jahr, von 1956 auf 1957, verfiel der bereits über Jahre gesunkene Preis für Blei um weitere 40 Prozent.
Gestiegene Lohn- und Materialkosten kamen dazu und bescherten der Preussag ein desaströses Betriebsergebnis für die Gewerkschaft Mechernicher Werke. Der Vorstand entschloss sich, die Notbremse zu ziehen, nachdem die Bundesregierung eine Subventionierung kategorisch abgelehnt hatte.
Rund 450 Arbeitnehmer fanden bis Ende März 1958 Arbeitsplätze in der näheren und weiteren Umgebung, viele davon in Bergbaubetrieben in den Revieren bei Aachen, an der Saar und an der Ruhr. Als die GMW ihrer Belegschaft offiziell zum 1. Juni 1958 kündigte, wurden dennoch rund 600 Arbeiter zur Demontage der gesamten Anlagen weiter beschäftigt.

Bergleute bei Bohrarbeiten zum Vortrieb einer Strecke im Untertagebau „Mauel“, 1950. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPress
Mit dem Zug aus Bonn unter die Erde
Zu dieser Zeit liebäugelte bereits die Bundeswehr mit der Übernahme des Geländes. Sehr viele der ehemaligen „Spandäuer“ fanden nach und nach einen neuen Arbeitsplatz bei den Streitkräften, die ab Mai 1959 in Mechernich stationiert wurden und eine damals hermetisch abgeriegelte atombombensichere Untertageanlage schufen, in die Züge aus Richtung Köln und aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn mit großer Fahrt einfahren konnten.
Als sich Mitte der 1960er Jahre neue Gewerbe- und Industriebetriebe in Mechernich ansiedelten, boten sich den früheren Knappen auch neue zivile Arbeitsplätze. Nach und nach verschwanden die früheren Werksanlagen des Bergwerks. Im Jahr 1961 sprengte man das Wahrzeichen Mechernichs, den 1884 erbauten und 135 Meter hohen Schornstein „Langer Emil“, 1981 flog der große Förderturm als fast letztes Relikt aus der wirtschaftlich großen Ära in die Luft.
Dank des Engagements der Stadt Mechernich und einer Handvoll früherer Kumpel um Matthias Korth und Clemens Esser gibt es heute ein Bergwerksmuseum in Mechernich, das Besucher weit über die Region hinaus anlockt und von Bergbauveteranen und Mitgliedern der Berg- und Hüttenleute betrieben wird.
pp/Agentur ProfiPress
(11.1.2008)
„In Mechernich ging das Licht aus“ - Zur Jahreswende 1957/1958, also genau vor 50 Jahren, war Schluss „auf Spandau“, dem legendären Mechernicher Bleibergwerk, das in seiner Blüte über 4000 Knappen Arbeit und deren Familien Unterhalt verschafft hatte... (mehr)



















