„In Mechernich ging das Licht aus“

Ein historisches Bild mit Symbolkraft: Der Redakteur Reiner Züll (Kölner Stadt-Anzeiger) fotografierte im September 1980 die Sprengung des großen Förderturms auf Spandau. Spätestens zu diesem Zeitpunkt glaubte niemand mehr an eine Wiederauferstehung des Jahrtausende lang ausgeübten Bergbaus in der Nordeifel. Kurz zuvor hatte die Preussag noch einmal Probebohrungen am Westschacht durchführen lassen.Zur Jahreswende 1957/1958, also genau vor 50 Jahren, war Schluss „auf Spandau“, dem legendären Mechernicher Bleibergwerk, das in seiner Blüte über 4000 Knappen Arbeit und deren Familien Unterhalt verschafft hatte - Die „Preussag“ hatte nach dem Zweiten Weltkrieg 27,5 Millionen D-Mark in die modernste Bleimine Europas investiert, um sie dann zu schließen - 1000 Knappen und ihre Familien standen Neujahr 1958 vor dem Aus – Das Ende einer 2000jährigen Ära
Silvester 1957 war wirtschaftlich gesehen der schwärzeste Tag in der Geschichte Mechernichs: Auf „Spandau“, wie das Mechernicher Bleibergwerk im Volksmund noch 50 Jahre nach seiner Schließung genannt wird, fuhren die Knappen am 31. Dezember 1957 zur letzten Schicht ein. Eine mehr als 2000jährige Bergbautradition in der Eifel ging zu Ende.
Ohnmächtige Wut herrschte bei den zuletzt noch knapp 1000 Beschäftigten und ihren Familien, aber auch bei den Offiziellen der damaligen Kreise Euskirchen und Schleiden. Denn das Ende des bedeutendsten Wirtschaftbetriebes und wichtigsten Arbeitgebers in der Region kam für die meisten völlig überraschend.
Als Ausgleich wurden neue Gewerbeansiedlungen – unter anderem der Bau einer Atomforschungsanlage in Tondorf – gefordert, die aber schließlich nach Jülich kam.

Schafbergschacht und Aufbereitung von Nordwesten her. Foto: Stadtarchiv Mechernich
6000 Tonnen Roherz pro Tag
Mechernich war Anfang 1957 mit 1200 Beschäftigten und einer Tageskapazität von rund 6000 Tonnen Roherz eine der größten Bleiminen weltweit.
Außerdem waren die Mechernicher Anlagen mit einem beispiellosen Aufwand von damals 27,5 Millionen Mark von 1948 bis 1955 auf den modernsten Stand gebracht worden.

"Spandau" verfügte über ein eigenes Eisenbahnnetz, das mit Dampf- und nach dem Zweiten Weltkrieg auch mit modernen Diesellokomotiven betrieben wurde. Unser Foto, das aus dem Besitz von Rudi Schoddel stammt, wurde 1929 am Kallmuther Berg aufgenommen. Der Lokführer ist Servatius Schoddel. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPressDie Betreiberfirma war die „Gewerkschaft Mechernicher Werke“ (GMW), zu 99,7 Prozent der Aktiengesellschaft Preussag zugehörig. Das GMW-Bergwerk war 1955, am Ende der Wiederaufbau- und Modernisierungsphase, das in Europa führende Technologie-Zentrum für den Bleiabbau und die Bleiverhüttung.
Der Grund: Die in Mechernich vorkommenden Erze mit einem Bleianteil von unter 1,2 Prozent erforderten spezielle Verfahren der Aufbereitung. Die Ingenieure am Bleiberg mussten sich eine Menge einfallen lassen, um die „armen“ Erze auszubeuten. Zahlreiche weltweit anerkannte Patente entstanden auf Spandau. 
Gebet vor der Einfahrt in den Stollen. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPressAus alten Terminlisten gehen Besuche unter anderem der Technischen Hochschule Berlin, der Bergbauschule und Geologischen Gesellschaft Essen, der Uni Würzburg und der Bergakademie Freiberg hervor.
Rat im Mechernicher Werk holten sich auch die argentinische Atomkommission, die belgische Universität Gent, ein Expertenstab aus Belgisch-Kongo, die Bergakademie Dhanbad (Indien) sowie Kommissionen aus Schweden und Indonesien.

Die Arbeiter der Bleihütte waren besonders stark gefährdet, die gefürchtete Bleikrankheit zu bekommen. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPress
Rote Zahlen geschrieben
Das mit Millionenaufwand auf den modernsten Stand der Technik gebrachte Bleibergwerk schrieb kräftig rote Zahlen. Und der Weltmarktpreis, zu dem die Mechernicher nach Wegfall des unter den Nazis künstlich hochgehaltenen Binnenmarktpreises Blei verkaufen mussten, verfiel zusehends.
Allein von 1956 auf 1957, so rechtfertigt Bergbaudirektor Ehring im Heimatkalender 1958 des Kreises Schleiden die Schließung, gab es einen Rückgang um sage und schreibe 40 Prozent. Die Preussag musste jährlich fünf bis sechs Millionen Mark zuschießen.
Ehring nennt noch zwei weitere Gründe, warum die Mechernicher Mine verloren war. Zum ersten hatten neueste Untersuchungen des Westfeldes in Richtung Scheven und Kallmuth wesentlich geringere Bleigehalte ergeben als bei früheren Untersuchungen. 
Großraumbagger im Tagebau Virginia: Das Riesenerdloch, das zeitweise über eine zweite, eigene Aufbereitung verfügte, wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit dem Wohlstandsmüll des Rheinlandes zugekippt. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPress
Auf das Westfeld, in dem sich auch in recht beträchtlichem Maße Zinkblende findet, hatte das Bergwerk aber für die Zukunft gesetzt. Deshalb war auch schon 1938 zwischen Scheven und Kallmuth der „Westschacht“ abgeteuft worden.
Strempt liegt auf großem Erzlager
Die größte Ergiebigkeit hatte 1957 noch das Ostfeld mit vier Millionen Tonnen im Tagebau. Doch das qualitativ beste Stück des Ostfeldes lag unter der Ortschaft Strempt, was den Abbau damals unmöglich machte.
Das eigentliche Bleibergwerk und seine zahlreichen Nebenbetriebe hatten Ende des 19. Jahrhunderts bis zu 4500 Beschäftigte. Foto: Stadtarchiv Mechernich/Agentur ProfiPress
Neben dem Verfall des Weltmarktpreises von 1350 auf 970 Mark je Tonne und der schlechten Prognose für potentielle Abbaugebiete nennt Ehring 1958 als dritten Grund für die Schließung „das Steigen der Löhne und Gehälter sowie der Materialpreise“.
Später, 1958, als Ehring das schrieb, war also alles eindeutig gewesen. Tatsächlich ahnte am Morgen des 21. Oktober 1957 in Mechernich kaum jemand etwas, als in Köln der Aufsichtsrat der Preussag zusammentrat. 
Friedrich Hunsicker, einer der Hauptaktivisten des ehrenamtlich betriebenen Mechernicher Bergbaumuseums, im Innern des Malakowturmes, eines stehen geliebenen alten Förderschachtes, der noch heute auf dem Schafberg zu besichtigen ist. Foto: Gunnar Tameer Eden/pp/Agentur ProfiPressZunächst gab es sieben Neinstimmen, doch schließlich entschied das 21köpfige Gremium an diesem für Mechernich „schwarzen Montag“ sogar einstimmig, „Maßnahmen mit dem Ziel einer Stilllegung der Betriebe“ einzuleiten.
Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe.
„In Mechernich ging das Licht aus“, kommentierten Kommunalpolitiker später das Szenario.
Doch zunächst war bei der Verkündigung der Schließung am 2. November 1957 in einer Belegschaftsversammlung von Ersatzarbeitsplätzen in neuen Betrieben die Rede, von der Vermeidung sozialer Härten und einem Hilfsprogramm für Ex-Spandauer.

Die Mechanik des Förderschachtes im Innern des Malakowturmes heute. Foto: gte/pp/ProfiPressDie Regierung „verzichtet“
Schon bald, so hoffte man damals, würden auf dem Bleiberg wieder die Schlote anderer Industrien rauchen. Alles sollte gut werden. Doch es kam anders.
Das Bundeswirtschaftsministerium hatte zuvor eine Subventionierung der Mechernicher Werke abgelehnt.
Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ zitiert am 4. November 1957, zwei Tage nach der Betriebsversammlung auf Spandau, eine entsprechende Erklärung aus Bonn:
„Wir können auf die jährlich 13 000 Tonnen Mechernicher Blei verzichten, da eine Überproduktion von 200 000 Tonnen vorhanden ist. Auslandsblei ist billiger.“
pp/Agentur ProfiPress
(10.1.2008)
Nur der "kleine Bruder" des großen Förderschachtes, der so genannte Malakowturm, steht heute noch am Schafsberg.
Der längste Industrieschornstein Europas, der "Lange Emil", war bereits 1961 von Bundesgrenzschutz-Pionieren gesprengt worden.
Die Bergleute hatten die Schornsteine der Mechernicher Bleihütte nach den früheren Bergherren, den Gebrüdern Kreuser benannt: "Langer Emil" und "Kurzer Karl".
Knochenarbeit und hohe Dividenden - Ein weiterer Artikel über das Aus für den zwei Jahrtausende alten Erzabbau in Mechernich vor 50 Jahren – Das „goldene Zeitalter“ der Aktionäre war für die Bergarbeiter oft tödlich gefährlich und ohne soziale Absicherung für deren Familien... (mehr)



















