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„Es war ganz anders als heute, ihr seid frei“


Die Schülerinnen und Schüler der 6c stellten der Zeitzeugin Maria Klee viele Fragen über den Morgen nach der Pogromnacht 1938. Konzentriert hörten sie der rüstigen Seniorin zu. Foto: gte/KStA/ pp/Agentur ProfiPress
Maria Klee rettete nach der Pogromnacht einen Kerzenleuchter aus der Kommerner Synagoge – „Nehmt jeden Menschen als Menschen!“

„Am Brandgeruch haben wir bemerkt, dass etwas nicht stimmt“, sagte Maria Klee (81) über den Morgen des 10. Novembers 1938. Die Zeitzeugin wurde von der Lehrerin Gisela Freier am 69. Jahrestag der Pogromnacht in die Klasse 6c der Mechernicher Hauptschule eingeladen. Dort berichtete Klee über ihre Erlebnisse in dieser Nacht, die den Übergang von der Diskriminierung der Juden zu ihrer systematischen Verfolgung darstellt.

Wie der Journalist Tameer Gunnar Eden in der Wochenendausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger“ schrieb, wohnte Klee zu der Zeit direkt gegenüber der Synagoge in Kommern. „Ich war zwölf Jahre alt, so alt wie ihr jetzt“, sprach sie die Schüler und Schülerinnen an, die gebannt an den Lippen der 81-Jährigen hingen. Wie von fast allen Synagogen und Häusern der jüdischen Bevölkerung war nach dieser Nacht von der Kommerner Synagoge nur noch ein Trümmerfeld übrig.


Maria Klee (81) hatte am Morgen nach der Pogromnacht im November 1938 einen Kerzenleuchter aus den schwelenden Überresten der Synagoge gerettet. Foto: gte/KStA/ pp/Agentur ProfiPress
„Die Tür und die Fenster waren eingeschlagen, überall qualmte es noch“, so Klee, „kein Mensch war auf der Straße zu sehen“. Die damals Zwölfjährige machte sich Sorgen um die Hausmeisterin der Synagoge, Henriette „Jettchen“ Steinhardt, die immer so gut zu ihr gewesen war.

Maria Klee trieb es zu den schwelenden Überresten. Inmitten der verkohlten Bänke und herabgestürzten Dachbalken sah sie plötzlich etwas aufblinken. Vorsichtig legte sie den Gegenstand mit dem Fuß frei, denn er war noch so heiß, dass das Mädchen ihn nicht mit der Hand anfassen konnte. „Es war der Kerzenleuchter, den ich schon so oft gesehen hatte“, teilte Klee den gebannten Schülern mit. Schnell verbarg sie den Leuchter in ihrer Schürze, denn sie wusste, dass niemand sehen durfte, was sie dort tat. „Aber ich musste den Kerzenleuchter retten“, sagte Klee.

Wieder zu Hause, versteckte ihre Großmutter das Relikt sofort in der Haferstrohmatratze. Sie habe in der Zeit eine ständige Angst gehabt.  Keiner wollte ihr erklären, was wirklich passiert war.

„Es war ganz anders als heute, ihr seid frei“, erinnerte Klee die Schüler, „erst als der Krieg vorbei war, durften wir reden.“ Erst dann habe sie das gesamte Ausmaß der Tragödie verstanden.

Damals wusste sie nur, dass das Regime ihr und ihrer Familie Böses tun würde, falls man sie entdeckt und angezeigt hätte. Ihr Bruder hatte sogar Ärger bekommen, als er in der Uniform des Jungvolks ein jüdisches Kind im Kinderwagen spazieren fuhr. „Ich habe Jettchen nie wieder gesehen“, sagte die Kommernerin traurig. Sie habe viel Kontakt mit den Juden gehabt und zusammen mit ihren Kindern gespielt. „Wir haben uns immer von Jettchen ein Staubtuch geholt“, sagte die rüstige Seniorin, „dann habe ich mit meiner jüdischen Freundin erst ein wenig Staub in der Synagoge geputzt und dann dort Verstecken gespielt.“


Fasziniert betrachten und fotografieren die Schüler und Schülerinnen der Klasse 6c den Kerzenleuchter aus der Synagoge in Kommern. An der Mechernicher Hauptschule gibt es seit fünf Jahren Projekte zu den Juden in Mechernich, im vergangenen Jahr wurde Eduard Levano ein Grabstein gesetzt. Foto: Gunnar Tameer Eden/ KStA/pp/Agentur ProfiPress
Im Park der jüdischen Familie Levano durfte sie Tennis spielen, und der jüdische Nachbar Löwenstein stellte extra eine Leiter an die Mauer, damit sie die zum Laubhüttenfest reich geschmückte Laubhütte anschauen konnte.

„Ich kannte alle Juden in Kommern“, berichtete Klee. Ihr Vater, Wilhelm Balg, war nämlich der einzige Kommerner, der zu dieser Zeit ein Auto besaß – er war Taxi-Fahrer. Ein Jude hatte ihn finanziell unterstützt, um das Auto anschaffen zu können. Als die Diskriminierung der Juden immer schlimmer wurde, fuhr Balg Juden in nächtlichen Aktionen zur Grenze und half so bei ihrer Flucht aus Deutschland. Klee: „Damit das nicht auffiel, musste ich mit meiner Mutter dann einen Ausflug machen.“

Die Schüler stellten der 81-Jährigen viele Fragen, etwa wie sie es geschafft hatte, das Geheimnis um den Kerzenleuchter zu wahren, ob Soldaten die Synagoge angezündet hätten oder warum die Feuerwehr nicht eingegriffen habe. Als eine Schülerin fragte, ob sie traurig war, als ihre jüdischen Freunde plötzlich verschwanden, wurde es ganz still im Raum. Maria Klee lehnte sich zurück und berichtete von einer Szene, die sich ihr unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt hat. Noch heute träumt sie manchmal davon.

„Ich bin mit dem Zug von Mechernich nach Euskirchen zur Schule gefahren,“ sagte Klee. „Eines Tages stand ein Zug mit Viehwaggons am Bahnhof.“ Darin seien viele Menschen eingepfercht gewesen, die mit Händen gestikulierten. Ein Kissen fiel aus dem überfüllten Abteil. Der Zug fuhr los, überfuhr das Kissen. „Als es platzte, stoben die Federn heraus und ich glaubte, Jettchen unter den Menschen zu erkennen“, berichtete Klee bewegt.


Maria Klee (Mitte) berichtete in der Mechernicher Hauptschule von ihrer Kindheit im Nationalsozialismus. Sie mahnte: „Nehmt jeden Menschen als Menschen, egal welche Hautfarbe oder Religion er hat.  Macht nie etwas so Schreckliches wie die Nazis!“ Foto: gte/KStA/pp/ Agentur ProfiPress

Seit 40 Jahren stünde nun der einst versteckt gehaltene Kerzenleuchter auf ihrem Schrank.
Schon mehrfach wollte Maria Klee ihn zurückgeben, an die jüdische Gemeinde in Aachen etwa oder an das Freilichtmuseum in Kommern. Aber ihr Gefühl sagte ihr, dass er wieder zu einem Menschen müsse, der den Leuchter noch in der Synagoge gesehen hatte. Dann fragte ihr Enkel Domenik nach dem Leuchter mit dem Davidstern. Klee erzählte die Geschichte, und Domenik erzählte sie seiner Lehrerin Gisela Freier. Da die Lehrerin und ihr Mann Wolfgang viel über die Kommerner Juden geforscht haben und dabei viele Zeitzeugen kennen lernten, konnte sie einen Kontakt mit Emmy Golding, geborene Kaufmann, herstellen.

Die jetzt in London lebende 94-jährige Jüdin wohnte damals in Kommern und kann sich noch an den Vater von Maria Klee erinnern. Zu Golding wird der Kerzenleuchter, der nun zum ersten Mal seit den schrecklichen Ereignissen 1938 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, zurückkehren. Den Schülern gab Klee mit auf den Weg: „Ich kann euch nur den guten Rat geben: Nehmt jeden Menschen als Menschen, egal welche Hautfarbe oder Religion er hat. Macht nie etwas so Schreckliches wie die Nazis!“

pp/Agentur ProfiPress