„Eine Partnerschaft voller Herzlichkeit“

Er ist der Vater der Städtepartnerschaft Mechernich - Nyons: Wolfgang Müller war bei seinem ersten Besuch in Nyons als junger Lehrer sehr berührt. Daraufhin initiierte er mit viel Enthusiasmus die Partnerschaft. Foto: Gudrun Klinkhammer/pp/Agentur ProfiPress
40 Jahre Mechernich – Nyons: Wolfgang Müller ist „Urvater“ der Städtepartnerschaft
Noch heute deuten in Nyons nicht verputzte Einschussspuren an Hauswänden, Gräber
auf Feldern oder auch monumentale Mahnmale auf die grausame Geschichte hin, die Frankreich und Deutschland durch den Zweiten Weltkrieg widerfahren ist.
Doch existiert mit der Städtepartnerschaft zwischen Mechernich und Nyons seit genau 40 Jahren auch ein quicklebendiges Denkmal der Freundschaft, die durch den Besuch eines Mannes in der „Höhle des Löwen“ begann.
Geboren in Landsberg an der Warthe, im heutigen Polen, war Wolfgang Müller im Zweiten Weltkrieg Oberleutnant der Marine. Durch einen Unfall mit einer U-Boot-Luke verlor er die Beweglichkeit in den Fingern seiner linken Hand. Nach dem Krieg lebte Müller in Nürnberg und Umgebung. Um sich das Geld für das Sprach-Studium zu verdienen, schnappte er sich seine Gitarre. Durch den U-Boot-Unfall musste er allerdings umsatteln. Der junge Mann drehte die Gitarre einfach um und hält den Instrumentenhals seither auf der rechten Seite fest. Nach einiger Zeit und viel Mühe schaffte er, mit der rechten Hand die Gitarrengriffe zu meistern. Als Tanzmusiker verdiente der ehemalige Offizier sein Studiengeld und sammelte mit einem Hut die Eintrittsgelder ein.

Die amtliche Unterschrift: Die Städtepartnerschaft zwischen Mechernich und Nyons wird offiziell. Foto: privat/pp/Agentur ProfiPressNach dem Studium wollte er mit seiner Ehefrau Irmgard Müller gerne nach Köln, „der Kultur wegen“. Da es dort keine freie Lehrerstelle gab, landete Müller, ausgerüstet mit einem Fahrrad, einem Koffer und einer Schreibmaschine, in Euskirchen - zunächst im Gasthaus „Der Bieresel“. „Ich war zufrieden mit der Stelle in Euskirchen, aber die vielen Männer im Lokal schauten mich immer so merkwürdig an“, berichtete Müller. Im Emil-Fischer-Gymnasium klärten ihn seine neuen Kollegen dann auf: Der „Bieresel“ war ein Treffpunkt für Schwule. Wolfgang Müller dankte danach für die Bereitstellung des Zimmers und suchte sich eine neue Bleibe.
Müller hatte bis zu seiner Fahrt dorthin noch nie etwas von der Stadt Euskirchen gehört. Den ersten Eindruck beschreibt er so: „Als ich mit dem Zug den Rhein entlang fuhr, war alles wunderbar.
Doch dann wurde es immer hässlicher. Ein wohltuendes Waldstück ließ ich schließlich leider hinter mir und landete an einem zerbombten Bahnhof.“
1962 besuchte Wolfgang Müller als Austauschlehrer erstmals Valence, die Hauptstadt des Departements Drôme. Bei der Planung der Fahrten halfen ihm seine französischen Kollegen. In die Nähe von Nyons und Valreas zu fahren, davon rieten sie Müller allerdings ab. Er wollte den Grund wissen: „Auf meine verwunderte Frage erklärten die Kollegen schließlich betreten, dass gerade in diesen beiden Orten während des Krieges von der deutschen Besatzung extreme Grausamkeiten verübt worden seien. Die Verbitterung daraus hätte schon zur Folge gehabt, dass dort etwa deutsche Autos demoliert wurden.“ Wolfgang Müller fuhr trotzdem, und kam an das Ufer der Eygues, das Nyons gegenüberliegt. Es war der 29. November 1962, und es war Liebe auf den ersten Blick.
„Beeindruckt vom Anblick des hübschen Städtchens jenseits des Flusses beschloss ich, mir trotz der Warnungen den Ort anzuschauen. Ich hielt mitten in Nyons und stieg aus, ohne dass wir, nämlich meine Frau und ich und meine zwei kleinen Kinder, in irgendeiner Form belästigt wurden.“, berichtet Müller. „Im Gegenteil, als ich mich suchend umschaute, kamen sofort Einwohner des Ortes auf mich zu und erkundigten sich in liebenswürdigster Weise, wo ich hinwolle. So lernten wir bereits damals einige der schönsten Bauwerke von Nyons kennen.“

Der Handschlag zweier Städte: Symbolträchtiges Geschenk zur Freundschaft über Grenzen hinweg. Foto: privat/pp/Agentur ProfiPressBei seinem ersten Rundgang stand Wolfgang Müller plötzlich in einem kleinen Park und sah sich einem Denkmal gegenüber. Auf erschütternd realistische und drastische Weise machte es auf die Vorgänge im Zweiten Weltkrieg aufmerksam:
SS-Soldaten schlugen mit Gewehrkolben auf kleine Kinder ein. Zudem erinnerte es an die Juden, die beim Aufkommen des Rassenwahns in Deutschland auch nach Nyons flohen und dort bis zur deutschen Besatzung auch Unterschlupf fanden.
Müller: „Damals kam mir der Gedanke, dass eine Annäherung an diesen leidgeprüften Ort mit dem Ziele einer Versöhnung eine erstrebenswerte Aufgabe wäre.“
Als Müller 1964 nach Mechernich an das neu eröffnete Progymnasium versetzt wurde, sah er die Chance dafür gekommen. In Bürgermeister Giesen und Amtsdirektor Brendt fand er nach anfänglichem Zögern wegen der finanziellen Belastung willige Unterstützer. In Eigeninitiative schrieb Müller am 3. August 1964 einen Brief an den Bürgermeister von Nyons und trug sein Anliegen vor. „Nachdem ich fast zwei Monate lang keine Antwort erhalten hatte, schrieb ich ihm am 29. September 1964 einen zweiten Brief“, erzählte Müller. Wieder kam keine Antwort.
In den Herbstferien wollte Müller daher selbst nach Nyons fahren, doch am Tag seiner geplanten Abfahrt kam das lang ersehnte Schreiben. Aus persönlichen Gründen, die im Krieg verwurzelt lagen, wollte sich der Bürgermeister nicht persönlich um die Angelegenheit kümmern. Allerdings übergab er den Vorgang seinem Stellvertreter, Monsieur Truc. Am 17. Oktober 1964 fuhr der Mechernicher nach Nyons, um die Idee einer Partnerschaft der beiden Städte voranzutreiben.

Wolfgang Müller ist ebenso stolz wie glücklich über 40 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Mechernich und Nyons. Die anfänglichen Schwierigkeiten überwand er mit Mut und Einsatz: „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen!“, war Müllers Devise. Foto: G. Klinkhammer/pp/ ProfiPressZu diesem Zweck machte Truc Müller mit den beiden Deutschlehrern der Nyonser Schule, „Lycée Romanille“, Madame Denise Chausse und Monsieur Daniel Muzard, bekannt. Als erstes Projekt beschlossen die drei Pädagogen, einen Schriftverkehr zwischen Schülern der beiden Städte ins Leben zu rufen. Um allerdings ein Vorankommen überhaupt möglich zu machen, rieten die französischen Lehrer ihrem deutschen Kollegen, dem ehemaligen Chef der Widerstandsbewegung, Monsieur Vilhet, die Idee vorzustellen. Doch war auch bekannt, dass der ehemalige Widerstandskämpfer allem, was mit Deutschland zu tun hatte, äußerst ablehnend gegenüberstand.
Müller dachte sich: „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen!“ und bat Vilhet um einen Termin.
Nach einem zunächst eisigen Empfang entpuppte sich Vilhet dann als freundlicher Herr. Er bewilligte den Aufbau eines Jugendaustauschs, auch mit dem Fernziel der Verschwisterung der beiden Städte.
Wolfgang Müller: „Zwischen uns entwickelte sich mit der Zeit eine richtige Freundschaft. Er schickte nicht nur seine Enkelkinder zum Schüleraustausch nach Mechernich, sondern kam zu feierlichen Anlässen auch selbst.“
Maßgeblichen Anteil am Abschluss der Verschwisterung im März 1967 hatte der damalige Bürgermeister Pierre Jullien, so Müller. Aber auch der Lehrer Muzard habe wesentlich dazu beigetragen. Gegenseitige Besuche auf fast verwandtschaftlicher Basis, sowohl unter Jugendlichen als auch bei den Erwachsenen, gehören seither im Jahresablauf von Nyons und Mechernich zum Standartprogramm: „Eine Partnerschaft voller Herzlichkeit“.
Gudrun Klinkhammer/pp/Agentur ProfiPress




















