Ein Keller voller Geschichte und Geschichten

Geballte Geschichte in den Händen von Archivarin Beate Meier: Mit diesen „Such- und Findbüchern“ behält sie den Überblick über zig Tausende von Dokumenten. Foto: kli/pp/Agentur ProfiPressIm Dezember 1982 wurde das Mechernicher Stadtarchiv eröffnet – Die ältesten Zeitdokumente stammen aus der Zeit um 1800 – Beate Meier ist die Gralshüterin der Mechernicher Stadthistorie
Beate Meier ist in Mechernich sozusagen die Gralshüterin über Geschichte und Geschichten. Die Kommernerin ist Stadtarchivarin und die ordnende Hand über rund 12 000 Akten und unzählige Bilder und Zeitdokumente. Der Schatz, den sie für die Stadt Mechernich zu hüten hat, ist von unschätzbarem Wert. Er wurde vor 25 Jahren, im Dezember 1982, erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ein Jahrzehnt zuvor war der Grundstein für diese geballte Sammlung Mechernicher Geschichte gelegt worden – und zwar durch die kommunale Neugliederung vom 1.1.1972. Dabei entstand aus einer ganzen Reihe von ehedem selbständigen Kommunen und Ämtern die damalige Gemeinde und heutige Stadt Mechernich mit ihren insgesamt 42 Einzelortschaften. Im Zuge dieser Zusammenlegung brachte man viele überlieferte Kostbarkeiten aus den verschiedenen Ortschaften in das damalige Rathaus Kommern.

Norbert Leduc, Gemeindedirektor von Kommern von 1953 bis 1969 und von Veytal 1969 bis 1971, verfasste zahlreiche Schriften zur Stadtgeschichte. Außerdem sammelte er reichlich Material für das Archiv. Foto: pp / Agentur ProfiPressEbenfalls im Stadtarchiv aufgehoben wurden und werden alle aktuellen Akten der Stadt, die für 30 Jahre zwischengelagert werden müssen, um dann entweder endgültig archiviert zu werden - oder im Reißwolf zu landen.
Die ältesten Stücke des Mechernicher Archivs stammen aus der Zeit um 1800. Besonders schöne Exemplare sind aus der französischen Zeit erhalten, die Lehrer aus den städtischen Mechernicher Schulen gerne als Unterrichtsmaterial verwenden.
Ein wichtiger Überlieferer, auf dessen Material heute noch häufig zurückgegriffen wird, ist der legendäre frühere Kommerner und Veytaler Gemeindedirektor Norbert Leduc. Der Vater des Rheinischen Freilichtmuseums, des Hochwildschutzparks Rheinland und der Landesgartenschau 1972 verfasste selbst historisch und wissenschaftlich fundierte Schriften und sammelte permanent wichtiges Material, das nach seinem Tod der Stadt Mechernich zukam. Beate Meier ist sicher: „Ohne Leduc wäre die Erschließung und Auswertung einer stadtgeschichtlichen Sammlung in dieser Form gar nicht möglich gewesen!“
1999 wurden das Mechernicher Stadtarchiv und seine Bestände aus Kommern in die Kernstadt gebracht – und zwar, nachdem man in einem hundert Quadratmeter großen Kellerraum der Hauptschule eine Kompakt-Anlage zur professionellen Lagerung eingebaut hatte. 
Auch solch verschnörkelte Zeilen aus vergangenen Zeiten liest Beate Meier, die Chefin des Mechernicher Stadtarchivs, so flüssig wie andere eine Schreibmaschinenseite. Foto: ppUm Platz zu sparen, lagern die Kisten dort in einer Rollregalanlage.
Hintereinander aufgebaut hätten die Regalböden eine Länge von 634 Metern.
Separat aufbewahrt werden die rund 4000 Fotos, darunter alte Schätze in Form von kostbaren Glasnegativen. Unzählige neue Fotos liegen noch zur Erfassung und Einsortierung bereit. Ein großer Teil des Bildbestandes wurde bereits digitalisiert.
Neben diesem großen Lagerraum gibt es noch eine Zweigstelle: Ein kleiner Teil des Archivs ist samt Verwaltungs-Büro direkt im Mechernicher Rathaus untergebracht.
Als eine Art Navigationssystem durch das Meer der Dokumente legten die Verantwortlichen vier „Findbücher“ an – und zwar für jeden der vier früheren Hauptverwaltungssitze vor der kommunalen Neugliederung jeweils eines.
Sie tragen die Kennbuchstaben „Me“ (Mechernich), „Ko“ (Kommern), „Sa“ (Satzvey) und „He“ (Hergarten). Im Findbuch „Ko“ findet man beispielsweise unter „14-1“ das Unterkapitel „Feuersbrünste“.
Beate Meier ist die einzige, die den absoluten Durchblick durch dieses kostbare Sammelsurium hat. „Ko 14-1“ ist für sie eine leichte Übung: Eines der vielen Schilder verrät ihr, wo sie eine schwere Stahltüre hochkurbeln und in dem sich dahinter öffnenden Gang suchen muss. Schnell kommt ein Heft mit preußischer Fadenheftung zum Vorschein. „Ko 14-1“ ist ein Schriftstück vom 11. Februar 1833. Ein königlicher Landrat, dessen Name beim besten Willen nicht zu entziffern ist, schreibt aus Euskirchen an den Bürgermeister Abels aus Kommern.

Beate Meier behält als Leiterin des Mechernicher Stadtarchivs den Überblick über eine Unzahl von Dokumenten. In einem Kellerraum unter der Hauptschule lagert das eigentliche Archiv in unzähligen Kartons. Foto: pp/ProfiPressIn dem Schreiben heißt es: „Mit bedauerlicher Theilnahme habe ich aus Ihrer Anzeige vom heutigen Tage ersehen, daß eine Feuersbrunst die Gebäulichkeiten der Erben Jacob Zervos daselbst in die Asche gelegt hat. Es ist mir angenehm zu erfahren, daß Euer Wohlgeboren mit der Anstrengung der zum Löschen herzugeeilten Gemeinden zufrieden sind und wollen Sie das weitere Benehmen belobend anerkennen, gleichwie ich es bei der Königlichen Regierung angerühmt habe." In diesem Stil geht die Geschichte weiter, und nach ein paar Zeilen fühlt der Leser, dass Feuer für die Menschen damals vielleicht noch schrecklicher war als heute, denn die Feuerwehr war weit weniger gut gegen die Brände gerüstet.
Bevor Beate Meier Chefin des Stadtarchivs wurde, hatte die Kommernerin zunächst in der Stadtbibliothek gearbeitet. Seit 1986 ging sie ihrem Vater, Stadtarchivar Kaspar Reck, beim Sammeln und Registrieren zur Hand - und fand Gefallen an der Arbeit: So bildete sie sich 1996 fort und absolvierte beim Landschaftsverband Rheinland einen halbjährigen Fachlehrgang für Kommunal- und Kirchen-Archivare.
Unter anderem lernte Beate Meier in diesem Kursus, alte Schriften zu lesen und Überlieferungen richtig einzuordnen. Seither sortiert und erfasst die Archivarin neben dem historischen Material alles, was die Stadtverwaltung Mechernich an Papier produziert, was in Tageszeitungen, Dorf-, Vereins- und Heimatchroniken, Büchern und Medien über Mechernich geschrieben und berichtet wird.
Auch durch Nachlässe oder Dachbodenfunde wird der Bestand ständig erweitert. In den nächsten Tagen erwartet Beate Meier übrigens Neues für die Sammlung: Unterlagen der früheren Eisengießerei Simon & Ulrich sollen ins Stadtarchiv kommen. „Ich freue mich immer, wenn ich Material bekomme. Man weiß nie, ob sich darunter nicht einige Schätze befinden“, sagt die Herrin über die Stadtdokumente. Für die Nachwelt könnte das Material von großer Bedeutung sein.
Gudrun Klinkhammer/pp/Agentur ProfiPress



















