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Mechernicher "Social Dance Project" macht große Fortschritte


Die Begeisterung der Mechernicher Kinder und Jugendlichen, die sich auf die Aufführung der "Carmina Burana" vorbereiten, lässt das "Social Dance Project", eine Gemeinschaftsaktion der Stadt und der Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat, allein schon überaus sinnvoll erscheinen. Foto: pp

„Jeder hat Sehnsucht nach Bewegung und künstlerischem Ausdruck“ - Aufführungen der „Carmina Burana“ in der Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat im Dezember d.J.
 
Birgit Helbig studiert mit Ballettschülern eine szenische Bearbeitung der „Carmina Burana“ ein. Das Besondere: Ihre „Eleven“ sind 280 Mechernicher Hauptschülerinnen und Hauptschüler.

Die Tänzerin und Choreografin erzählt von Anfangsschwierigkeiten, wunderbaren Verwandlungen der Kinder, von Begeisterungsfähigkeit und der befreienden Kraft des Tanzes.

Sie kamen zu spät, verweigerten die Mitarbeit, pflegten einen rüden Umgangston oder hörten oft nicht zu. Jungs wollten nicht mit Mädchen tanzen und umgekehrt. An Berührung, die zur Korrektur der Haltung beim Balletttanz gehört, war nicht zu denken.

Birgit Helbig, ausgebildete Tänzerin und Ballettpädagogin ist keine Sozial-Romantikerin. Sie wusste, was auf sie zukam, als sie die Leitung für das „Social Dance Projekt“ übernahm, eine szenische Aufführung von Carl Orffs „Carmina Burana“ mit Schülerinnen und Schülern der Mechernicher Hauptschule für insgesamt drei Aufführungen in der „Ton-Fabrik“ der Firmenicher Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat. Schließlich war sie selbst mit der Idee, die Vorbilder in den USA und inzwischen auch deutschen Großstädten hat, auf die in der Zikkurat und im Goldenen Tal von Bad Münstereifel vertretene „Sportwelt Schäfer“ und die Stadt Mechernich als potenzielle Veranstalter zugegangen.

„Aber die Anfangsschwierigkeiten waren schon sehr groß“, gibt die energiegeladene Künstlerin zu. Dass ihre neuen „Eleven“ in der Regel vorher noch nie getanzt haben, ist das geringste Problem. Helbig, die unter anderem 20 Jahre lang eigene Tanzschulen in Euskirchen und Bad Münstereifel führte, studierte bereits unzählige, oft selbst entwickelte Choreografien ein - weltweit. Unter anderem bis Zürich, Nizza, Gran Canaria, Kreta, Dakar und den Senegal führten künstlerische Projekte die zierliche und doch sichtbar trainierte Tänzerin.


Die professionelle Tänzerin und Balletpädagogin Birgit Helbig ist von der sozialen wie von der künstlerischen Bedeutung ihres Mechernicher "Social Dance Projects" überzeugt. Die ersten Erfolge und die Begeisterung ihrer Elevinnen und Eleven geben ihr Recht.  FOTO: ML/AGENTUR PROFIPRESS
„Die Herausforderung liegt vielmehr darin,
die unterschiedlichsten Jugendlichen mit ihren individuellen Lebensgeschichten,
ihren Ängsten und Bedürfnissen zusammenzubringen“, weiß Birgit Helbig.
Sie erfährt dabei genauso viel Neues wie ihre Tanzschüler. „Da musste ich sensibel interpretieren.“ Dass es vornehmlich ablehnende Gefühle gegenüber Ballett und klassischer Musik zu überwinden galt, nahm die Tanzpädagogin anfangs etwa an.
Doch dann lernte sie verstehen – nämlich, dass die größte Angst der Jungen und Mädchen darin besteht, nicht ernst genommen zu werden. „Wie stehen wir denn hinterher auf der Bühne da, dann lachen doch alle“, behaupteten einige.

„Ich habe ihnen erklärt, dass ich so professionell bin, dass ich sie nie ausliefern würde“, erklärt Helbig. Und sie musste ihnen immer wieder versprechen, dass sie sie nicht allein lässt, auch beim nächsten Mal wieder kommt und mit ihnen probt, nicht plötzlich das Interesse verliert.

So sind die wöchentlichen Proben immer auch ein Rahmen, in dem Verhandlungen stattfinden und Stück für Stück zum Ziel führen. In Einzelübungen nahm sie den Kindern etwa die Scheu, sich gegenseitig – vor allem geschlechtsübergreifend – an den Händen zu fassen. „Am Anfang durfte ich selbst bei notwendigen Korrekturen nicht ‚unter die Arme greifen’“ erinnert sich Helbig. Doch mit dem wachsenden Vertrauen ließen sich die Hauptschüler immer mehr auf die Proben ein. Helbig: „Als sie zum ersten Mal spürten, wie viel Energie durch den Körper strömt bei der Bewegung, wie der Tanz Emotionen freisetzt, da wusste ich: Jetzt kommt der Kontakt und die Öffnung für das Neue!“.

Solche Erlebnisse motivieren die Kölnerin immer wieder. „Wir verhandeln eben immer weiter.“ So kamen beispielsweise immer wieder Schüler ungeduscht zu den Proben, vom Fußballtraining etwa. Sie weigerten sich dann, für bestimmte Übungen die Schuhe auszuziehen: „Dann kippen Sie um!“ Helbig verabredete also mit ihnen, dass sie beim nächsten Mal  frisch gewaschen erscheinen: „Ich muss Euch doch auch anfassen beim Training.“

„Es hat funktioniert“. Inzwischen haben gerade die Jungen so eine Leidenschaft für den Tanz entwickelt, dass sie sich völlig mit dem Projekt identifizieren. „Sie haben sogar eine Beschützerrolle entwickelt“, erzählt Helbig stolz. Einige kümmern sich mit darum, dass die anderen pünktlich erscheinen, dass es ruhig ist, wenn sie etwas erklärt.


Anmut und Ausdrucksfreude des Tanzes wirken mit der Zeit auch auf das Selbstbewusstsein: Die seit einem Jahr laufenden Vorbereitungen auf die Aufführung des Orffschen Oratoriums "Carmina Burana" hinterlassen bei den 280 Mechernicher Hauptschülern ebenso positive Spuren wie in dem professionellen und ambitionierten Unterstützerkreis Birgit Helbigs, der in der "Sportwelt Schäfer" in der Firmenicher Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat trainiert. FOTO: MANFRED LANG/AGENTUR PROFIPRESS

„Angesichts des problematischen Hintergrundes, den viele mitbringen“, sagt Helbig, „ist das absolut unglaublich, was hier passiert. Ob es eine Schülerin ist, die acht Geschwister mit versorgen muss, viele von materiellen Schwierigkeiten und arbeitslosen Eltern erzählen oder Kinder mit Migrations-Hintergrund darunter sind, die wenig Deutsch verstehen oder sich besonders schwer taten, ihre Autorität zu akzeptieren: „Ich erlebe sehr viel Belastendes aus dem Alltag der Kinder  mit“, so Helbig. Um so mehr freut es die Balletttänzerin, dass den Kindern Glück und Freude an der Sache anzumerken sind.

Ganz nebenbei lernen die Kinder, wie wichtig es ist, Regeln für ein gemeinsames Projekt abzusprechen und einzuhalten, erleben ihren Körper und sich selbst einmal völlig anders wahrzunehmen und das geborgene Gefühl, in einer Gemeinschaft etwas zu schaffen.

Sie wachsen sichtbar an der Kreativität, die man ihnen nun zutraut und in der sie gefördert werden. „Dabei haben sie zum Teil auch Widerstände aus dem Elternhaus zu überwinden“, hat Helbig schon erlebt.
Eltern etwa, die die Teilnahme verbieten wollen und schon angekündigt haben, bei dem großen Spektakel mit Bühnenbild über mehrere Ebenen, Lichteffekten und Kostümen nicht dabei sein zu wollen. „Das ist zwar traurig, aber ich versuche immer wieder das aufzufangen und Lösungen mit den Kindern zu entwickeln.“

Im Dezember 2005 begannen die Proben – ein Jahr vor der ersten Aufführung (Helbig: „Mit Profis probiert man etwa sechs Wochen“). Helbig selbst ist bereits seit über einem Jahr vor Probenbeginn mit der Inszenierung beschäftigt: „Zunächst musste ich ein Konzept vorlegen und die Choreografie entwerfen, denn ich wollte ja die Stadt und mögliche Sponsoren für das „Social Dance Project“ gewinnen.“ Helbig überzeugte die Stadt Mechernich und die Schule gemeinsam mit Sportwelt-Chef Franz-Peter Schäfer, mit dem sie auch die Idee zu dem Projekt „ausheckte“.


Birgit Helbig mit ihrer Korrepetitorin Olga Heidt. Foto: pp/ProfiPress

Inzwischen gibt es schon eine ganze Reihe von begeisterten Sponsoren, ohne die das „Social Dance Project“ mit prominenten Vorbildprojekten etwa in den USA oder Berlin nicht zustande kommen könnte. Bühnenbild, Make-up, Technik – immerhin sollen die Kinder auch in einem angemessenen professionellen Auftritt das Ergebnis ihrer harten Arbeit präsentieren können. Neben der Stadt, der „Sportwelt Schäfer“ und Johann Josef Wolf, dem Betreiber der Zikkurat, gehören inzwischen auch Firmen und Privatleute zu den Unterstützern.

Den mittelalterlichen Vaganten- und Liebesliedern sowie geistlichen Gesängen der „Carmina Burana“, überwiegend auf Lateinisch oder in Mittelhochdeutsch verfasst, verpasste Helbig für die szenische Version eine Rahmenhandlung, die jugendgerecht ist. Zwei Protagonisten, ein Mädchen und ein Junge, erleben einen Kampf zwischen Gut und Böse, in dessen Wirren sie sich behaupten müssen.

„Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder sich durch die Musik von Carl Orff sehr stark und direkt angesprochen fühlen“, sagt Birgit Helbig, die an der Essener Folkwang-Hochschule sowohl ihre künstlerische Reife im Bühnentanz, für Ballett, Modernen Tanz und Charaktertanz ablegte, als auch ihr staatliches Diplom in Ballettpädagogik absolvierte. 
Darüber hinaus studierte sie beim Schweizer Berufsverband für Tanzpädagogik die russische Waganowa-Methodik des klassischen Tanzes.

Außer in den zurzeit andauernden Sommerferien probt Helbig einmal in der Woche mit insgesamt 280 Schülern in der Hauptschule Mechernich. Im Tanzraum der „Sportwelt Schäfer“ in der Kultur- und Freizeitfabrik Zikkurat kommen Proben mit sehr fortgeschrittenen oder halbprofessionellen Tänzerinnen dazu, viele waren von klein auf ihre Tanzschülerinnen.

Auch mit Korrepetitorin Olga Heidt arbeitet Helbig schon lange zusammen. Die Pianistin passt die Musik Orffs immer den unterschiedlichen Tempi und Gegebenheiten für punktgenaue Einstudierungen an. Zu den Proben mit den erwachsenen Tänzerinnen, die später bei der Aufführung für den professionellen Zusammenhalt der Inszenierung sorgen, holt Helbig immer wieder besonders begabte Schülerinnen und Schüler der Hauptschule für die gemeinsame Choreographie hinzu.

Hintergrund für die Verbindung von sozialem Engagement und Ballett-Tanz ist für Birgit Helbig vor allem ihre Zeit in Essen, wo sie für mehrere Spielzeiten am Theater beschäftigt war. „Die haben dort eine tolle Kulturpolitik“ schwärmt Helbig, die glücklich ist, dass Essen neue „Kulturhauptstadt“ wurde. „Wenn öffentliche Spielstätten oder Kunstinstitutionen Zuschüsse haben wollen, müssen sie soziales Engagement nachweisen.“ Viele ihrer Kollegen habe das gestört, erinnert sich die Ballett-Lehrerin, „die waren sich zu schade, vor Senioren, Behinderten oder anderen benachteiligten Gruppen zu spielen.“

Birgit Helbig aber hatte dort ihr „Schlüsselerlebnis“, wie sie sagt, bei einer Aufführung vor spastisch gelähmten Kindern. Immer noch sichtlich bewegt schildert Helbig, wie die Kinder versuchten, aus dem Rollstuhl auf die Bühne zu kommen, sich mitzubewegen oder ihre Beine zu berühren. „Da guckt man an sich herunter, wie man da im Tutu und seinem durchtrainieren Körper steht. Ich habe gespürt, dass ich mit dieser Freude, die der Tanz auslöst, mit dieser Sehnsucht nach Bewegung und nach künstlerischem Ausdruck, die jeder Mensch hat, etwas Sinnvolles tun muss.“

criba/pp/Agentur ProfiPress